„Eine Welt – Unsere Verantwortung“: Minister Dr. Gerd Müller zu Gast bei der KLB

Dienstag, 9. Oktober 2018

Den Bogen hätte er kaum größer spannen können: von den beklagenswerten Herstellungsbedingungen  einer Jeans, zum Kaffee, den wir in Deutschland so gerne trinken, über den Skandal der ertrinkenden Flüchtlinge im Mittelmeer bis zur Klimaveränderung und der wachsende Weltbevölkerung reichten die Themen, die Minister Müller beim Vortragsabend in Ketterschwang ansprach.

Wie nah uns die eine Welt ist, zeigte  der Redner an einem ganz gewöhnlichen Tagesbeginn auf:  Im Shampoo befindet sich Palmöl und in der Zahnpasta ist Mikroplastik. Für Palmöl brennt in Indonesien der Regenwald und wenn der Plastikverbrauch in dem bisherigen Tempo weiter steigt, haben wir in 20 Jahren mehr Plastikmasse als Fischbestände in den Weltmeeren.  Mit konkreten Zahlen unterstrich der engagierte Minister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit seine Botschaft: Die Welt ist ein globales Dorf geworden. Alles hängt mit Allem zusammen. „Von einem Kilogramm Kaffee  geben wir gerade einmal 50 Cent an den Kaffeebauern in der Elfenbeinküste.“ Das reiche nicht für ein menschenwürdiges Dasein. Eine Marken-Jeans, die wir im Allgäu für 100 Euro kaufen, werde in Asien für 5 Dollar eingekauft.  Dafür schuften Textilarbeiterinnen in Bangladesch  für 15 Cent in der Stunde oft bis 16 Stunden am Tag, haben keine Ökostandards, bleiben unter dem Existenzminimum. „Können wir das zulassen?“, fragte Gerd Müller in den Saal. Deshalb habe er nach dem verheerenden Einsturz der Rana Plaza Textilfabrik mit 1.100 Todesopfern vor fünf Jahren das „Textilbündnis“ für faire Arbeitsbedingungen  gegründet. Man habe zwar in Deutschland 50 Prozent Marktabdeckung erreicht, aber damit gebe er sich nicht zufrieden. Der Kunde müsse erkennen, welches Kleidungsstück soziale und nachhaltige Standards einhält. Bereits durch eine Erhöhung des Einkaufspreises um einen Dollar könne eine Jeans zu menschenwürdigen Bedingungen produziert werden. So wirbt der Minister für den „grünen Knopf“. Leider ziehe die Textilindustrie nicht so mit wie er sich das vorstelle, aber mit einem kräftigen „wir Allgäuer sind sture Hund“ sprach er sich selber Mut zu.

Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und wo es nötig ist, zu steuern. Als bekennender Marktwirtschaftler sei er davon überzeugt, dass der globale Markt globale Regeln brauche. Es könne nicht sein, dass die großen, kapitalstarken, global operierenden Konzerne wie Apple und Facebook kaum Steuern zahlen: „Der Markt braucht Grenzen. Wir brauchen keinen freien, sondern einen fairen Handel“, sagte der Bundesminister voll Überzeugung und erntete dafür großen Beifall. Angesichts der großen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, forderte er eine gerechte Weltordnung mit einem fairen Interessensausgleich. „Es kann nicht sein, dass 20 % der Weltbevölkerung in den Industriestaaten 80 Prozent der Ressourcen verbrauchen.“

In der Verantwortung sieht Dr. Müller viele: die Staaten der Weltgemeinschaft, die Bundesregierung, seine eigene Partei und die Bürger. „Paulus wurde im Mittelmeer gerettet. Wir haben die 1.000 Menschen nicht gerettet, haben sie ertrinken lassen.“ Im Blick auf die katholische Landvolkgemeinschaft  sagte er, dass der Christ vor Gott und den Menschen den Auftrag hat, die Welt nach bestem Wissen zu gestalten. Selbstkritisch fügte er hinzu, dass die CSU das C in seiner Partei neu definieren muss. Was Christsein in der Politik bedeute, darüber würde nach der Landtagswahl gerne diskutieren.

Auch das Flüchtlingsthema kam bei Gerd Müller nicht zu kurz. Deutschland leiste viel. Pro Jahr geben Bund, Länder und Gemeinden 25 bis 30 Milliarden Euro für die Integration und Betreuung von Geflüchteten aus. Es bräuchte nur eine Milliarde, um z.B. in Jordanien oder im Nordirak ein Vielfaches zu erreichen. In den riesigen Flüchtlingscamps im Libanon und in Jordanien würden oft schon 50 Cent pro Tag ausreichen, um ein Kind mit Essen und Bildung zu versorgen. „Wir müssen dort investieren, wo die Not am größten ist.“ Die wirklich Armen kämen ohnehin nicht zu uns, weil sie sich die Flucht gar nicht leisten können.

„Immer mehr Menschen kommen an den Tisch des Herrn.“ Damit meinte Müller die wachsende Weltbevölkerung. Er sieht dies als große Herausforderung, die aber zu meistern ist. „Wir haben das Wissen und die Technologie.“  So hat sein Ministerium in einem Innovationsprojekt auf einer 500 ha großen Ackerfläche innerhalb von drei Jahren eine Verdoppelung der Ernte erreicht. Möglich war dies durch eine Verbesserung des regionalen Saatguts (ohne Gentechnik) und der Bewirtschaftungsmethoden. 14 weitere solcher Technologiezentren werden aktuell in Afrika gefördert. Der CSU-Politiker zitierte Mahatma Gandhi  mit den Worten „Hunger ist Mord“ und ergänzte „weil wir wissen, wie es geht!“

200 Interessierte waren der Einladung der Landvolkgemeinschaften Kaufbeuren und Marktoberdorf sowie dem „Bündnis für Flüchtlinge Kaufbeuren“ gefolgt. In der anschließenden Diskussionsrunde zeichnete sich ein ähnlich großer Themenbogen wie beim Vortrag ab. So gab es beispielsweise Fragen zu deutschen Rüstungsexporten,  zur Situation in Eritrea sowie zur Einschätzung der eigenen Macht  zur politischen Einflussnahme auf vielen Ebenen.

Thomas Steuer und Brigitte Frank (KLB Kaufbeuren) sowie Silvia Snehotta (KLB Marktoberdorf) bedankten sich bei Minister Dr. Gerd Müller für den Vortrag und bei Landtagsabgeordnete Angelika Schorer für das „Einfädeln“ seines Kommens.

Roman Aigner, KLB-Bildungsreferent