Kein Rennen am Rennsteig: „Grenz-wertige“ Radtour nach Erfurt

Dienstag, 2. Oktober 2018

Wald, Wald, Wald, soweit das Auge reicht. Thüringer Wald. Rennsteig. Wer von Bayern aus nach Erfurt will, der muss über diesen Steig. Steig kommt von Steigung; zu Recht wie sich herausstellte. Und wir wollten nach Erfurt mit dem Fahrrad. Unbedingt. Nicht alleine, sondern mit der sog.  Drei-Bistümer-Radtour der KLB. 80 Leute zwischen 7 und 77 ließen sich davon nicht abschrecken. So blieb nur eines: Vorher trainieren, am Tag selber alle Kräfte mobilisieren, hoffen, dass es nicht regnet und versuchen die 1000 Höhenmeter irgendwie zu schaffen. Die Gruppe motiviert, hieß es gebetsmühlenartig.  Geregnet hat es auch; und wie! Aber nicht an diesem Tag. Wir waren in drei Leistungsgruppen unterwegs. Quasi ein dreifaches hopp-hopp-hopp. Sollte all das nicht reichen, dann gibt es ja zur Not immer noch unser Begleitfahrzeug mit Roman. Das war der Plan. Ein gewagtes Vorhaben. Aber es ging gut aus! Nach 5 Tagen kamen wir alle mehr oder weniger heil in Erfurt an: Nicht zuletzt durch das souverän führende Leitungsteam mit Toni Zach, Albert Vögele, Christine Singer, Hermann Kienle und Marcus Öfele.

Dünn besiedelt ist diese Mittelgebirgslandschaft zwischen dem nördlichen Oberfranken und dem Thüringer Wald. Deshalb fand sich auch nicht früher eine geeignete Übernachtungsmöglichkeit. Grenze. Bis 1990 verlief hier die innerdeutsche Grenze. Gott sei Dank eine ehemalige, die es aber wert ist, wahrgenommen zu werden. So konnten wir Geschichte hautnah erleben – von Menschen, die damals dabei waren und heute für eine umfassende Geschichtsbewältigung und - Vermittlung eintreten. Eine Führung am Grenzturm Gompertshausen und eine weitere im Zwei-Länder-Museum Rodachtal gaben auf beeindruckende Weise Einblick in das Leben vor der Wende.

5000 Hektar. Auch wenn in Bayern die landwirtschaftlichen Betriebe immer größer werden, ist uns diese Größenordnung alles andere als vertraut. Die Rede ist von der Agrargenossenschaft Bösleben, die unserer Radlergruppe mit dem Namen „De-France-ler“ einen Abstecher wert war. 150 Angestellte sorgen dafür, das Lebensmittel angebaut, in zig Betrieben verarbeitet und verkauft werden. Der Blick auf die europäischen GAP-Verhandlungen ist verständlicherweise ein ganz  anderer als der vieler Landwirte und KLB-Verantwortlicher in unserer Diözese. Alle mal eine Horizonterweiterung.

Wichtig war uns auch eine Begegnung mit der katholischen Kirche Thüringens.  Pfarrer Herbert Meyer und Gemeindereferentin Claudia Wanierke von der Katholische Kirchengemeinde St. Elisabeth Arnstadt erzählten, wie sie das Pfarreileben organisieren und gestalten, um die Katholiken, die mit nur 5 % der Bevölkerung  in der Minderheit sind, zusammen zu bringen. In 136 Dörfern leben die 4000 Katholiken verstreut. Aber nur an drei Kirchorten findet jeden Sonntag ein Gottesdienst statt. Das bedeutet, dass die Gläubigen zum Teil weite Wege in Kauf nehmen müssen. Zur Sakramentenvorbereitung  kommen die Kinder und Jugendlichen zentral nach Ilmenau und Arnstadt . Durch eine kontinuierliche,  außerschulische Katechese in den Gemeindehäusern (Pfarrheimen) und durch eine Ferienfreizeit wird für eine Gruppe von Jugendlichen ihre Pfarrei zur Heimat.

Auch für die leichten Dinge des Lebens stand etwas auf dem Programm: Die „Familien-Strampler“ besuchten das Gartenzwerg-Museum und die „Überland-Strampler“ machten beim „Bratwurst-Museum“ eine Haltestation. An unserem Zielort Erfurt strahlte die Krämerbrücke, der Dom und weitere renovierte Baudenkmäler in der spätsommerlichen Sonne. Viele Radler waren überrascht, wo pulsierend die Landeshauptstadt  Thüringen heute ist.

Schon einen Tag später hieß es Abschied zu nehmen von einer wunderbaren Radtour in einer meist unbekannten Landschaft, die nicht nur genügend Steigungen, sondern  vor allem viele Einblicke in das Leben Frankens und Thüringens bot.  Nicht zu vergessen das  typische Landvolk-„feeling“ mit guter Stimmung, welches zum Abschluss in Reimform besungen wurde:

„Viele Helfer-Helden gab es, jeder brachte etwas ein.

Es ist schön in der Gemeinschaft ein Landvolk-Mitglied zu sein.“

Roman Aigner