Pfarrer rockt beim Landvolktag die Hütte

Montag, 23. November 2015
Der Münchner Seelsorger Rainer Maria Schießler redet in Ried Klartext und erzählt, warum ihn der Zölibat nicht stört
Text und Foto: Brigitte Glas, Friedberger Allgemeine
 
Den lebendigsten Festvortrag seiner Geschichte erlebte der Landvolktag in Ried am Sonntag. Rosi Mahl, die Dekanatsvorsitzende, hatte den bekannten katholischen Pfarrer aus München, Rainer Maria Schießler, eingeladen. Seit über 20 Jahren ist er Pfarrer in St. Maximilian im Glockenbachviertel und auch für die Heilig-Geist-Gemeinde am Viktualienmarkt zuständig. Seine eigene Talkshow wird seit Dezember 2012 beim BayerischenRundfunk produziert und ausgestrahlt.
 
Zunächst feierte er den Festgottesdienst, allerdings anders, als mancher Kirchenbesucher erwartet hatte. „Habe ich die Hütte ge-rockt?“, fragte er am Ende. Ein begeistertes „Ja“, schallt es ihm entgegen. Noch lebendiger als Gottesdienst und Predigt geriet sein Vor-trag zum Thema „Die größte Sünde des Lebens ist die des ungelebten Lebens“.
 
In seiner Seelsorge geht er unkonventionelle Wege. Seit Jahren arbeitet er im Schottenhamel-Zelt des Oktoberfestes als Bedienung und spendet das verdiente Geld für wohltätige Zwecke. Seit diesem Jahr gibt er die Einnahmen an das Sy-rien-Projekt des Kabarettisten Christian Springer. Als Rosi Mahl anfragte, was er für seinen Vortrag verlange, antwortete er: „Ich bin unbezahlbar.“ Eine Spende wolle er haben. Die bekam er auch und zusätzlich gingen Körbchen über die Tische, durch die am Ende noch einmal gut 1100 Euro für die gute Sache zusammenkamen.
 
Rainer Maria Schießler kennt man. Wenn er spricht, ist das Haus voll. So auch in Ried. Schießler redet Klartext. Statt sich über die Kirchenaustritte zu beklagen, geht der 55-Jährige hinaus zu den Menschen. Er will sie abholen, wo sie sind. Wenn es sein muss, auf der Wiesn. Jeder solle sein Leben nach seinen Vorstellungen leben und es genießen. Auch junge Leute, es könnte ja sein, dass sie früh gehen müssen. In breitem Münchnerisch lässt er sich über alle Lebensbereiche aus. Der Zölibat störe ihn nicht: „Jetzt, nach 35 Jahren ist die Chose gelaufen, jetzt brauch’ ich auch nichts mehr anfangen.“ Auch habe er keinen Anrufbeantworter. Wer bei ihm anruft, erreicht einen Menschen. „Stell dir vor, du stehst an der Himmelstür, weil du grade überfahren worden bist, und es ist keine Bürozeit!“ Katholische Seelsorge sei seine Berufung: „Das ist ein Virus, dagegen ist Aids ein Dreck!“
 
Himmel und Hölle – beides gebe es bei uns, aber was wir haben, bestimmten wir selbst. Jeder sei für sein Leben verantwortlich. Die Kirche solle den Menschen in seinem vollen Licht erscheinen lassen und nicht an verkrusteten Strukturen festhalten. So sei in seiner Kirche der Beichtstuhl „ein selten frequentiertes Mobiliar“. „Es weiß doch jeder, was okay ist.“ Mit den Leuten reden sei viel wichtiger. Auch laufe bei ihm die Kommunion lockerer ab: „Wir sind doch nicht auf dem Exerzierplatz.“ Auf das Thema des Vortrags sei er an Sterbebetten gekommen. Was die Leute ihm dort erzählen, lasse ihn immer wieder staunen. Oft seien es die kleinen Dinge, die sie glauben, versäumt zu haben, wie zum Beispiel mit dem Enkel ins Stadion zu gehen. Er denke sich dann: „Du Rindviech, dann hätts es halt gmacht!“ Schießler findet deutliche Worte. Die katholische Kirche bräuchte mehr von solchen Pfarrern.
 
Im Anschluss trug sich Schießler noch ins Gästebuch der Gemeinde Ried ein. Für den musikalischen Rahmen des Landvolktags sorgten die Rieder Blaskapelle Len Witt und die Chorgemeinschaft Ried.